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Geschichte

Montanhistorie im mittleren Gottleubatal

 

um 1230 Unter böhmischer Lehnsherrschaft besiedeln deutsche Eisenbauern die Region und beginnen mit dem Abbau und der Verarbeitung der Eisenerze. Archäologische Forschungen belegen, dass in der Pirnaer Burglehnhütte bereits 1218 in geringem Umfang Schmelzversuche durchgeführt wurden. Es ist anzunehmen, dass dabei Erze aus dem mittleren Gottleubatal erschmolzen wurden.
um 1300 Gottleuba wird als Siedlung von Bergleuten gegründet, die vermutlich aus dem Harz stammten. In der Siedlung sollen um 1300 bereits 250 Einwohner gelebt haben. Das Fehlen von Ackerfluren weist darauf hin, dass der Bergbau die Lebensgrundlage der Einwohner darstellte.
1388 Am 19. Mai 1418 gab der Pirnaer Burgmann Heinrich von Rychenbach bekannt, dass es bereits seit mehr als dreißig Jahren üblich sei, dass Holztransporte aus der "Czydilweyde" (Zeidelweide) "uf den berg by dy Gotlebe" (Bergwerke an der Gottleuba) pro Woche eine Abgabe in Höhe von 5 gr. entrichtet haben. Bei dieser Angabe handelt es sich bisher um den ältesten urkundlich bestätigten Beleg bergbaulicher Aktivitäten im mittleren Gottleubatal. Diese reichen nach Aussage des Burgmanns bis vor das Jahr 1388 zurück. Allerdings lässt seine Aussage eine genaue Lokalisierung der Bergwerke nicht zu. Diese werden nur als an der Gottleuba gelegen erwähnt, das trifft aber sowohl für Berggießhübel als auch Bad Gottleuba zu.
1404/05 Das Abbaugebiet gelangt nach der Dohnaischen Fehde dauerhaft in die Hand der Wettiner. Mit dem Vertrag von Eger (Cheb) legalisierte Kurfürst Friedrich II. 1459 die gewaltsame Inbesitznahme der Erzvorkommen im mittleren Gottleubatal. In diesem Vertrag wurden bisherige Grenzstreitigkeiten beseitigt und die Grenze zwischen Sachsen und Böhmen auf die Höhe des Erzgebirges gelegt. Dieser Grenzverlauf ist heute noch gültig und markiert damit eine der ältesten noch bestehenden Grenzen in Europa.
1447 Die Erzlagerstätten um Berggießhübel finden als Gißhobel eine erste urkundliche Erwähnung. Der Ort selbst wird 1457 erwähnt.
1466 Das aufblühende Bergbaugebiet erhält als zweites sächsisches Revier ein eigenständiges Bergamt mitsamt Bergmeister.
1548 Berggießhübel bekommt städtische Rechte verliehen (stedtlein Bergk Gießhobel).
1590 Der Chronist Petrus Albinus rühmt das Berggießhübeler Eisen als das fürtrefflichste in Sachsen. Er prägt den Begriff des Pirnisch Eisen und gibt an, dass zum Gießhübel auch die besten Öfen gegossen werden.
Um 1600 Im Revier sind etwa 90 Gruben, Stollen und Schächte in Betrieb, etwa 300 Bergleute finden im Bergbau Lohn und Brot. In den Tälern zwischen Weißeritz und Biela stellen über 40 Hammerwerke und Gießhütten bis zu 1.000 t Eisen pro Jahr her.
 
   
1618/48 Der einstmals blühende Bergbau bricht infolge des Dreißigjährigen Krieges völlig zusammen.
nach 1648 Mit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges setzte eine 150-jährige Phase wiederholter aber insgesamt erfolgloser Bemühungen zur kontinuierlichen Wiederaufnahme des Bergbaus ein. Der Bergbau kam praktisch zum Stillstand.
1717 Bei der Untersuchung von Grubenwässern wurde mit dem Johann-Georg-Brunnen eine erste Heilquelle entdeckt. Zusammen mit der Dies bildet die Grundlage zur Entwicklung des Kur- und Badewesens.
1726 Der Friedrich Erbstolln (heute Marie Louise Stolln) wurde aufgefahren.
1731 Angesichts des katastrophalen Zustandes der Wälder erließ Kurfürst August der Starke eine Holzverordnung, welche die bis dahin stark begünstigte und teilweise sogar kostenlose Holzentnahme durch die Hammerhütten weitgehend unterband. Die Notwendigkeit zum Import böhmischer Holzkohle bzw. böhmischen Kohlholzes minderte die Konkurrenzfähigkeit der Hüttenwerke, so dass diese nach und nach ihren Betrieb einstellten. Das Fehlen der Abnehmer ließ auch die bergbaulichen Aktivitäten immer weiter zurückgehen.
1813 Durchziehende Truppen verursachen schwere Schäden an den Bergwerks- und Hüttenanlagen, der Bergbau kommt weitgehend zum Erliegen.
ab 1819 Unter der Leitung von Detlev Graf von Einsiedel kam es zur schrittweisen Neuaufnahme bergbaulicher Aktivitäten im Berggießhübeler Reviers. Die Familie von Einsiedel zählte zu den führenden Köpfen im deutschen Eisenhüttenwesen. Gebisteverluste im Zusammenhang mit dem Wiener Kongress (1815) zwangen die von Einsiedles, Erkundungen zur Nutzung heimischer Eisenerzvorkommen anzustellen, um den Betrieb ihrer Werke aufrecht zu erhalten. Deshalb erkundete der Obersteiger Hengst in den nächsten Jahren in Berggießhübel und der näheren Umgebung mehrere Eisenerzlager und schloss diese (wieder) auf.
1825-52 In diesem Zeitraum erfolgte die Auffahrung des Zwiesler Tiefen Erbstollns als Hauptentwässerungs- und Erkundungsstollen. Der vom Staat finanzierte Stollen (Baukosten etwa 34.000 Taler) erreichte 1852 in einer Entfernung von 1.020 m vom Mundloch das Martinzecher Lager. Dieses Erzlager stellte die Verlängerung des wichtigsten Berggießhübeler Erzlagers, des Mutter Gottes Lagers dar, welches vom Friedrich Erbstolln (ab 1870 Marie Louise Stolln) bebaut wurde. Der Zwiesler Tiefe Erbstolln erreichte unter Hinzurechnung der Seitenflügel eine Länge von etwa 1.400 m.
1836 Im Juli wurde das neue Gräflich Einsiedelsche Eisenhüttenwerk in Zwiesel an der Gottleuba in Betrieb genommen. Es befand sich am Standort eines Hammerwerkes aus dem 17. Jahrhundert und verfügte über den ersten Hochofen mit heißen Wind im Revier des Pirnisch Eisen. Der Hochofen arbeitete allerdings noch mit Holzkohle, welche weitgehend aus Böhmen importiert wurde. Die etwa 30 Mitarbeiter des Werkes produzierten u.a. Gasröhren, Eisenbahnräder und Ofenplatten. Mit seiner Kapazität und seinen Verarbeitungsmöglichkeiten ersetzte das Eisenhüttenwerk endgültig die ehemals im Revier vorhandenen Hammerhütten. Obwohl der Hochofen um 1895 stillgelegt wurde, blieb der Standort als Eisenwerk und Gießerei bis 1993 erhalten.
1838 In den Berggießhübeler Gruben waren wieder 60 Bergleute beschäftigt, die in den letzten Jahren überwiegend aus den Revieren von Altenberg und Freiberg, aber auch aus Thüringen in das mittlere Gottleubatal gezogen waren. Drei Jahre später (1841) fand ein Bergaufzug der hiesigen Knappschaft statt, an dem 78 Knappen teilnahmen.
um 1840 Die holzraubende Erzgewinnung mittels Feuersetzen wurde weitgehend durch Sprengungen mit Pulver ersetzt.
1848-53 In Berggießhübel waren 20 bis 30 Bergleute im Abbau beschäftigt.
1856 Das Gräflich Einsiedelsche Eisenwerk nahm den seit längerer Zeit stillgelegten Stab- und Zeughammer Berggießhübel wieder in Betrieb. Auf dem Gelände des Werkes existierte bereits Mitte des 15. Jahrhunderts ein Hammerwerk. Das neue Hammerwerk verarbeitete auch altes Schmiede- und Gusseisen und lieferte verschiedene Stahlsorten und Gattungen von Stab- und Zeugeisen. 1911 erfolgte die Stilllegung der Anlage, die drei Schwanzhämmer wurden 1919 verschrottet.
1861 Nach dem Tod von Detlev Graf von Einsiedel gehen die Bergbauaktivitäten in Berggießhübel deutlich zurück.
1870-75 Unter der maßgeblichen Initiative des Fabrikanten und Eisengießers Hermann Gruson begann die intensivste Abbauperiode im Berggießhübeler Revier. Der Abbau konzentrierte sich auf den nun Marie Louise Stolln genannten ehemaligen Friedrich Erbstolln, welcher umfassend Instand gesetzt und baulich erweitert wurde. Dabei erhielt das Mundloch seine heutige Gestalt mit der an Grusons älteste Tochter Marie Louise erinnernden Inschrift. Auf dem Kirchberg wurde der Emmaschacht als Hauptfahr- und Förderschacht bis zu einer Tiefe von 97 m abgeteuft. Übertage (heute Standort der Firma Bergi-Plast) entstanden umfangreiche Tages- und Aufbereitungsanlagen (Treibehaus, Maschinen- und Kesselhaus, Bergschmiede). Für die Förderung und Wasserhaltung wurde eine 40 PS-Dampfmaschine in Betrieb genommen. Auch der eigentliche Abbau wurde durch den Einsatz von Gesteinsbohrmaschinen (ab 1872) und die Nutzung von Dynamit und Hellhoffit als Sprengmittel schrittweise modernisiert. Dadurch konnten die Betriebskosten beim Abbau deutlich gesenkt werden. Gegenüber den Abnehmern garantierte Gruson einen Eisenerzgehalt von 50-55 %.
 
Bergarbeitergesuch aus dem Pirnaer Anzeiger (1871) ©Bild gemeinfrei
1876/77 Die europaweite Stahlüberproduktionskrise und die dadurch hervorgerufenen niedrigen Eisenpreise bringen den Berggießhübeler Bergbau weitgehend zum Erliegen.
1878-92 Nach der Erholung der Eisenpreise wurde die Förderung wieder aufgenommen. Der Emmaschacht wurde bis zu seine Endteufe von 145 m niedergebracht. Die Wiederaufnahme ging mit einer umfassenden technischen Modernisierung einher, die nun auch die Verwertung ärmerer Erze aus dem Marie Louise Stolln ermöglichte. Das Eisenerz wurde hauptsächlich in der bei Zwickau gelegenen Königin Marienhütte verhüttet. Dieses Werk lieferte u.a. die Schienen der 1880 erbauten Gottleubatalbahn und die Stahlteile der 1891-93 errichteten Elbebrücke Blaues Wunder in Dresden.
1892 Infolge Erschöpfung der Erzlager erfolgt die weitgehende Einstellung des Abbaus im gesamten Berggießhübeler Revier.
Bilanz 1870-92 Seit 1870 wurden in Berggießhübel etwa 169.000 t Eisenerz gefördert, davon stammten reichlich 90 % aus der Grube Mutter Gottes Vereinigt Feld, zu dem auch der Marie Louise Stolln gehörte. Der Bergbau beschäftigte in Berggießhübel in einzelnen Jahren bis zu 185 Bergleute. Die höchste Jahresförderleistung wurde 1875 mit knapp 14.500 t Erz erreicht. Das war mehr als zwanzigmal soviel, wie zur Blütezeit des Bergbaus im 16. Jahrhundert abgebaut wurde. Innerhalb Sachsens nahm das Berggießhübeler Revier zwischen 1870 und 1892 eine führende Rolle in der Eisenerzförderung ein. In der Periode der sächsischen Hochindustrialisierung stammte fast die Hälfte des im Königreich abgebauten Eisenerzes aus Berggießhübel.
 
Berggießhübel mit Emma-Schacht (Bildmitte) um 1880
(Carl Wilhelm Arldt) ©Bild gemeinfrei
bis 1930 Verschiedene Eisen-, Stahlwerks- und Bergbaugesellschaften nutzen die Berggießhübeler Grubenfelder als Spekulationsobjekte, ohne jedoch einen geregelten Abbau durchzuführen. Zu den Besitzern zählte u.a. die Acieries et Ateliers de Luxemburg (1906-10), die AG Gruben- und Hüttenwerke Traversella in Turin/Italien (1910-14), die Röchlingsche Eisen- und Stahlwerke GmbH Völklingen (1914-18) und die Vereinigte Königs- und Laurahütte AG Berlin (1923-30).
1931 Im März 1931 wurde mit der Paulzeche das letzte Berggießhübeler Grubenfeld aus dem Bergwerksverzeichnis gelöscht.
1938 Vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Autarkiepolitik setzten am 1. Oktober 1938 in Berggießhübel Erkundungen über eine mögliche Wiederaufnahme des Abbaus ein. Die Erkundungen fanden über den 175 m tiefen Schacht 381 im Bereich des heutigen Autohauses Glöckner statt. Dabei fanden 20-30 Bergleute eine Anstellung.
1942 Die im Herbst 1938 aufgenommenen Erkundungsarbeiten wurden nach 3½ Jahren am 31. Mai 1942 eingestellt, da sie keine Chance auf einen dauerhaften Abbau boten. Vor dem ehemaligen Berggießhübeler Bahnhof erinnert heute ein Hunt als Bergbaudenkmal an die letzte, auf dem Schacht 381 gefahrene Schicht, welche die 700-jährige Tradition der Eisenerzförderung im Revier des Pirnisch Eisen beendete.
1964 Reichlich vierzig Jahre nach Einstellung des Bergbaus traten auf dem Areal des Kirchberges verstärkt Bergschäden auf, die durch unverwahrten Altbergbau ausgelöst wurden. Besonders starke Rissbildungen waren an der 1875/76 errichteten alten Schule (Kirchberg 13) zu verzeichnen, die deshalb für eine weitere Nutzung gesperrt werden. Ein weiteres Wohnhaus musste 1969/70 abgetragen werden.
ab 1970 Vor dem Hintergrund der verstärkt aufgetretenen Bergschäden begann die Bergsicherung Dresden mit umfangreichen Maßnahmen zur Erkundung altbergbaulicher Gefahren und leitete in den folgenden Jahren deren Sanierung ein. Im Rahmen dieser Maßnahmen wurde auch der teilweise verbrochene Marie Louise Stolln wieder aufgewältigt.
1971/79 Die Stollnwässer des Marie Louise Stolln werden zur Trink- und Brauchwasserversorgung genutzt.
2000 Bei einer Befahrung wurde ein Abschnitt des Marie Louise Stolln völlig verbrochen vorgefunden. Im folgenden Jahr begann die Bergsicherung mit Sanierungsmaßnahmen, um die unkalkulierbaren Gefahren des Wassereinstaus zu beseitigen.
2003/06 Der Marie Louise Stolln und das Scheidehaus werden saniert und zum Besucherbergwerk hergerichtet.
2006 Pfingsten 2006 erfolgt die feierliche Einweihung des Marie Louise Stolln als Besucherbergwerk, Touristinformation und binationale Bildungsstätte.
   
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